Tief über das blanke Bistrotischchen gebeugt, einen knallroten Hut auf dem Kopf, lugt sie auf das Sternenkarussel unter der Decke, auf die Schnapsflaschen und die Nachbarn. Wer zu ihr schaut, fängt sich ein Lächeln oder einen Wunsch: Den schweren Ledervorhang am Eingang möchte sie zugezogen sehen; geschützt will sie sein vor der kalten Zugluft. Penibel studiert sie die Karte, während sich die Tische füllen. Lachen, Reden, Flirten. Samstagabend-Flimmern.
Die Kellnerin wippt auf sie zu und tippt ihre Wünsche in den Handcomputer. Sie hat wenig Wünsche. Schauen möchte sie. Oder reden.
Doch niemand kümmert sich darum. Immer lauter wird die Housemusik. Dumpf dröhnen die Bässe. Eine Kartoffelsuppe wird serviert, und sie neigt sich tief über das Schüsselchen.
Die Kellnerin huscht manchmal zu ihr und schaut sie fragend an. Sie schüttelt müde den Kopf, zählt ein paar Münzen und zieht sich angestrengt hoch. Ein junger Mann legt eilig die Zeitung beiseite und hilft ihr auf die Beine. Vorsichtig führt er ihre zitternden Hände zum Rollator und hilft ihr Schritt für Schritt, das kleine Wägelchen vor sich herschiebend, hinaus ins Dunkel.
Draußen vor dem Fenster schaut sie noch einmal zurück auf das aufgewühlte Heer junger Köpfe, lauscht den dumpfen Bässen. Und bevor sie tief gebeugt in die Nacht geht, winkt sie den Jungen hinter der Scheibe noch einmal zu, als sei sie dankbar, ihr Leben zu spüren – wenn auch nur flüchtig.

Der Spatz ist der Lieblingsvogel des Zeichners Janosch. Deshalb hat er sein Bild der Deutschen Wildtier Stiftung zur Verfügung gestellt.
Wenn es mal wieder soweit ist: Wir können uns den Namen des netten Herrn von nebenan nicht merken, die Telefonnummer des Hausarztes will auch im dritten Jahr unserer Partnerschaft noch nicht sitzen und mitten in einer Erzählung über den letzten Urlaub fällt uns partout der Lieblingsort nicht mehr ein, in dem das ???-Restaurant immer den besten Seelachs anbot.
Wenn es wieder einmal so weit ist, sollten wir es mit dem “Memotrainer” versuchen, aber auch an Weimar und seine Methode denken, jungen Leuten den alten Goethe näher zu bringen. Im Projekt “KlassikClubCultures” von der Klassik Stiftung Weimar und dem Berliner Verein Cultures Interactive e.V. soll der Sprechgesang des Rapp junge Leute inspirieren, sich näher mit den Klassikern zu befassen.
Die Rapperin Sokee zeigt, wie es geht, den “Zauberlehrling” zu pauken. So lernt man heute.
Wir sitzen auf harten Stühlen, vor uns eine Menge leerer Reihen. Im Rücken tuscheln ein paar ältere Damen und rascheln mit Bonbonpapier; offensichtlich so aufgeregt, als seien sie auf Klassenfahrt. Auch ein stilles Pärchen ist da und ein paar Singles, verstreut in den Bänken. Es riecht nicht nach Popcorn. Wir haben Hustelinchen gekauft, mit dem Geschmack von früher.
Vieles hat hier den Geschmack von früher. Die Programmtafeln im Vorfilm sind eindeutig aus den 50ern, und der Mann im Kassenhäuschen ist wahrscheinlich in den 70ern. Nein, ein Programm könne er nicht bieten, gestand er uns beim Kartenkauf ganz unumwunden, denn er wisse selbst nicht, welche Filme wann den Weg zu ihm fänden, welche Kopien gerade frei seien. Aber – er lächelte glücklich – manchmal sei auch eine deutsche Erstaufführung darunter. Und auch Albert Schweitzer werde kommen und „Tannöd“. Nichts für zarte Seelen. Vor Weihnachten habe er sich sechs Wochen um das Rentier bemüht. Es sei aber erst nach Silvester gekommen. Da wollte es keiner mehr sehen.
Wir denken an ihn auf unseren harten Stühlen, die nicht so recht zum Lümmeln einladen, aber viele Erinnerungen wachrufen. So ähnlich war das damals mit dem Freund am Händchen, mehr küssend als guckend, und später mit den Kindern: „Pipi Langstrumpf“ haben wir gesehen in solchen Kinos und „die Kinder aus Bullerbü“.
Bei der Werbung rutscht das Bild hoch. Nun sehen wir nur noch die Rümpfe der Akteure. Keine Gesichter mehr. Kein Himmel. Aber das macht nichts. Der Weg zum Vorführer ist nicht weit. Ein Zuschauer geht hinter die Bühne und regelt das. Bevor es richtig los geht, ist alles im Lot.
Wie schön, dass es noch einige gibt, Provinzkinos – und mit ihnen die Erinnerungen an Zeiten, in denen das Ausgehen das Ereignis war. Nicht die Technik.
http://www.eifel-lichtspiele.de/index.php?date=2010-01-21

Der Kinder-Unternehmer-Bus von Judith Wilske
Als unsere Kinder noch klein waren, hatten sie ein großes Problem: Das Taschengeld reichte nie, und sie sannen auf Abhilfe. Im Sommer die Obstbäume beäugend, hatten sie eine Idee: Kirschen verkaufen gleich oben an der Straße. In wenigen Minuten schafften sie Töpfe und Körbe heran, die sie zu den Bäumen schleppten. Auch eine Leiter war schnell gefunden, und dann ging’s los. Die erste, gut erreichbare Runde Kirschen wanderte in den eigenen Magen, dann wurde das Unternehmen schwieriger, es knackte bedrohlich in den Ästen und es war angeraten, erst einmal eine Mittagspause einzulegen. Danach stand die Sonne zu warm am Himmel, die Kirschen hingen immer noch sehr hoch und es dauerte einfach zu lange, auch nur einen Eimer zu füllen. Das Unternehmen wurde vertagt. Wie so viele andere Geschäftsideen.
Damit den Kindern von heute so etwas nicht passiert, hat die Ökonomin und Regisseurin Judith Wilske aus Fribourg in der Schweiz einen Aufruf gestartet: „Kinder zu Unternehmern“ heißt ihr Ziel, und sie tourt dafür mit einem Bus werbend durchs Land.
Ein paar ganz besonders ausgefallene Ideen hat sie schon sammeln können, zum Beispiel den Vermietungszoo: Lennard Aschmann (11), Leon Dumkowski (12) und Steffen Jorrison (13) überlegen sich Geld aufzutreiben, um ein paar Meerschweinchen, Kaninchen und Vögel anzuschaffen. „Die würden wir an Kinder vermieten, die bisher keine eigenen Tiere halten dürfen. Vielleicht können sich Eltern leichter für ein Tier entscheiden, wenn sie es erst einmal ausprobieren “, sagte Leon Spiegel-Online.
Mehr gute Kinder-Ideen gibt’s bei:
http://www.spiegel.de/deinspiegel/0,1518,664459-5,00.html
Ab dem 20. Januar durfte früher kein Holz mehr geschlagen werden. Der Grund: Die Säfte steigen langsam wieder in die Bäume. Wir dürfen uns vorsichtig über die Erde beugen und lauschen: Das Leben kehrt zurück, das Wachstum beginnt. Die Tage werden wieder länger. Sanft gleiten wir in Richtung Frühling. Die Zeit vergeht; deutlich erkennbar an den Zeichen der Natur.
Die Zeit. Wir können sie verhöhnen wie Karl Valentin, der fragt: „War jetz‘ des gestern oder im 3. Stock?“ oder wir können sie auszutricksen versuchen wie Francois Mitterand: „Ich trage nie eine Uhr. Uhren sind Peitschen für all jene, die sich als Rennpferde missbrauchen lassen.“
Wir können aber auch ein Geschäft daraus machen. Manchmal erledigt sich das per Zufall. Göran Holst kann davon eine Geschichte erzählen. Auf dem Höhepunkt der “New Economy” wollte er die Jahrtausendwende angemessen mit einer Schnitzeljagd und der exakten Uhrzeit begehen. Doch im Jahr 2000 war die sekundengenaue Zeit im Internet nirgendwo zu finden. “Was es nicht gibt, sollte erfunden werden”, dachte er sich und kreierte “Uhrzeit.org”; die erste Seite im deutschsprachigen Internet, die die sekundengenaue Uhrzeit in Zusammenarbeit mit der PTB Braunschweig durch eine optimierte Signalübertragung der Atomuhr darstellte. Als besonderes Highlight entwickelten die Uhrzeitmacher eine eigene Software, die die Systemuhr aus dem heimischen PC mit der Atomuhr synchronisierte.
Bei so viel Freude an der Zeit, lag es nahe, die Seite mit einem Online-Shop für Uhren zu verbinden. Mittlerweile umfasst das Sortiment ein Angebot von rund 60 Markenuhren – mit schwindelerregenden Wachstumszahlen.
Wie es weitergeht? Das wird die Zeit zeigen…
http://www.uhrzeit.org/technik.html
Wenn Perry den schwarzen Kopf schräg legt und mich mit ihren großen Augen liebevoll anschaut, rede ich mit ihr. Ganz klar. Und manchmal denke ich: Nun sag doch auch mal was. Dann reißt die pechschwarze Labrador-Dame das Maul weit auf; aber mehr als eine Art Grunzen ist nicht zu hören. Dafür spricht sie nonverbal sehr gut: Hat sie Hunger oder Durst, sitzt sie hingebungsvoll am Fressnapf, will sie uns endlich mal auf Trab bringen, hockt sie schmachtend neben den Stühlen oder läuft nervös vom Tisch zur Tür – wie das eben alle so machen.
Nur reden? Reden will sie nicht. Da gibt es wahrlich andere. Schauen Sie selbst:
Wie anders erlebt das Wappentier des Venn, das Birkhuhn, den strengen Winter. Wenn’s ihm gar zu kalt wird, will es nichts mehr wissen von der Welt. Es lässt sich von einem hohen Ast in den Schnee plumpsen und versucht, Energie zu sparen, indem es sich einigelt. Bei reduziertem Stoffwechsel verbringt es 21 bis 22 Stunden des Tages im selbst gebauten Schnee-Iglu. Bei einer Störung – zum Beispiel durch laut jubelnde Skifahrer – flieht es und verbraucht dabei zu viel Energie.
Einer der Gründe, warum es immer seltener wird.
Der Mensch und das Birkhuhn: Wir wissen eben zu wenig voneinander und haben völlig verschiedene Vorstellungen vom Glück.
Naytiri und der verwandelte Soldat Jake Sully.
Kennen Sie Neytiri? Wenn nicht, werden Sie von ihr hören. Zur Zeit spricht die ganze Welt von ihren gelben Katzenaugen; sagen wir die ganze Cineasten-Welt. Mehr als 500 Millionen Dollar hat Regisseur James Cameron dafür ausgegeben, dass sein Publikum im Film “Avatar” die Seele in Neytiris Augen entdecken kann. Camerons Methode zum „Gefühle-Einfangen“ mit digital erzeugten Bildern dürfte ihm den Technik-Oskar einbringen. Mehr als eine Milliarde Dollar hat sie schon in die Kino-Kassen gespült; in den ersten 17 Tagen.
Merkwürdig: Mich erinnert Neytiri an den „kleinen Prinzen“. Denn sie redet beinahe wie der zierliche Held von Antoine de Saint Exupery. „Du musst das Band knüpfen“, heißt ihre wichtigste Lektion für den amerikanischen Soldaten Jake Sully, der sich mit allen Tricks menschlicher Wissenschaft auf ihren Planeten Pandora geschmuggelt und in ein Mitglied ihres Volkes verwandelt hat. Sie lehrt ihn, Verbindung aufzunehmen mit den Bäumen, den Blumen, den Tieren, mit dem ganzen Segen ihres Volkes, so wie es auch der kleine Prinz erklärt hat: „Wenn einer eine Blume liebt, die es nur ein einziges Mal gibt auf allen Millionen und Millionen Sternen, dann genügt es ihm völlig, dass er zu ihr hinauf schaut, um glücklich zu sein. Er sagt sich: Meine Blume ist da oben, irgendwo…“
Der kleine Prinz hat noch mehr Weisheiten vom Fuchs erfahren, ganz am Anfang ihrer Bekanntschaft: „Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt…“
Auch der Soldat Jake lernt mit Hilfe Neytiris, die Tiere des Urwalds zu zähmen. Er und sein Publikum werden dafür belohnt mit atemberaubenden Bildern einer künstlichen Welt, die in 3-D-Technik direkt in den Zuschauerraum flattert, und wogende Silber-Quallen oder Blüten über den Köpfen und Popcorn-Dosen schweben lässt.
Schade nur, dass die zarten, manchmal verstörenden Bilder über das geschädigte Verhältnis von Mensch und Natur letztendlich untergehen in der maschinenverliebten Ballerei des Action-Kinos.
So etwas hatte der kleine Prinz nicht nötig, um ein Welterfolg zu werden. Seine Botschaft aus dem Jahr 1943 passt in einen Satz, den noch heute jedes Kind kennt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Die Worte hätten auch von Neytiri stammen können. Aber warum auch nicht? Der kleine Prinz und sie: Beide wohnen auf einem anderen Planeten.
Kurz bevor Tausende von Silbersternen gen Himmel flogen, schlichen vier Männer mit Hacken und Schaufeln in den Garten und machten sich an die Arbeit: Sie stachen in den Boden, schaufelten das Gras beiseite und stießen rasch auf Metallisches: Aufgeregt wühlten sie im schlammigen Grund und bargen eine stählerne Kiste, sorgsam in Plastik verpackt, fest verschlossen, mit Salz versiegelt – beinahe unversehrt.
Zehn Jahre hatte sie in der Erde geruht, manchmal die Gedanken beschäftigt, von Zeit zu Zeit zum Lachen animiert. Zum Millenium 2000 vergraben. 2010 wieder empor geholt – genau, wie es abgemacht war.
Die meisten der 18, die damals dabei waren, standen wieder am Rand der Kiste, sahen zu, wie sie geöffnet wurde, waren ergriffen, wie unversehrt ihre Schätze zu Tage traten. Denn jeder einzelne hatte 2000 eine Botschaft eingraben lassen und ein paar Fragen beantwortet: Was hat Dich im letzten Jahr besonders gefreut, was geärgert? Was willst Du ändern? Wie wird Dein Leben in zehn Jahren aussehen? Welche Ziele hast Du? Gibt es eine Idee, die die Welt prägen wird?
Jeder einzelne trug seinen Schatz sorgsam nach Hause – und kaum jemand redete darüber. Das Altern. Die Hoffnung. Die Ängste. Die Veränderungen. Zu persönlich sollte es nicht werden in dieser Silvesternacht.
Immerhin: Bei einigen haben sich ein paar Träume hartnäckig erhalten: Ein perfektes Duo auf der Gitarre spielen. Eine Kontrabass-Suite erarbeiten. Das Internet als Basisdemokratie begreifen. Ideen, die zehn Jahre lang gemächlich weitergesponnen wurden; wohl wissend, dass der Weg für einiges zu lang geworden ist – z.B. für ein perfektes Gitarren-Duo.
Die Jungen haben leichter träumen: Julia, vor zehn Jahren noch ohne Abitur, wollte Lehrerin werden. Jetzt ist sie es. Erstaunen auf ihrem Gesicht. Den Traum hatte sie völlig vergessen.
Dabei beginnt alles mit einem Gedanken – auch bei den Studenten der Technischen Universität München, die eine Vision Wirklichkeit werden lassen wollen: Sie arbeiten daran, einen Fahrstuhl zu den Sternen zu konstruieren, der in 36.000 Kilometern Höhe im All endet. “Seit meiner Kindheit fasziniert mich Science-Fiction”, sagt Maschinenbaustudent Alexander Kuisl, Projektleiter des Weltraumlift-Teams. “Im Gegensatz zum Warp-Antrieb aus Star Trek ist der Weltraumlift sehr nah an der Realität.”
http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,661521,00.html#ref=nldt
